Mein Humor komme, dein Humor gehe – wie im Himmel so auf Erden

Man kann sich das wohl so vorstellen: Der Deutsche, ein possierliches Arbeitstierchen, hat pünktlich zum Fasching 6 Tage im Jahr Spaß. Da setzt man sich dann lustige Papphüte auf, schunkelt breit grinsend besoffen vor sich hin und weiß genau, daß man immer dann lachen muß, wenn die Kapelle nach jedem Halbsatz ein „Det-DÄ Det-DÄ Det-DÄ“ einspielt. Nach einem derart komprimierten Lachmarathon braucht man natürlich auch wieder eine Pause und so werden die restlichen 359 Tage in stiller Ernsthaftigkeit verbracht. Lachen ja, aber bitte nur mit offizieller Genehmigung über hintergrundlosen Humor.

Nun hat es der Cartoonist Haderer aber gewagt, gleich beide dieser Regeln zu brechen. Im Stern 33/2007 veröffentlichte er unter dem Titel „Na endlich! Das Antirauchergesetz wird konsequent durchgesetzt!“ eine Karikatur, die einen von allen Seiten hämisch ausgelachten Menschen zeigt, der ein Schild mit folgender Aufschrift um den Hals trägt: „Ich bin im Ort das größte Schwein, lass mich mit einem Raucher ein.“

Das war zu viel! Wie kann man nur! Selbstverständlich sind in den Leserbriefen sofort die selbsternannten Kämpfer des guten Humors zur Stelle. So ist Martin Finckh aus Sindelfingen „entsetzt“ über diesen „despektierlichen und geschmacklosen“ Cartoon. Auch Thomas Rasch aus Velber versucht sich an einer knackigen Formulierung: „Kommen sie mir nur nicht damit, daß Satire alles darf. Darf sie nicht!“, erzürnt er sich. Recht hat er! Wo kämen wir denn hin, wenn wir keine Denkverbote hätten? Vielleicht würde es ja tatsächlich noch jemand wagen, auf Mißstände aufmerksam zu machen!

Das Cigar-Blog dagegen hat zunächst nicht ganz verstanden, daß dieser Cartoon eine versteckte Anspielung enthält: „Von einem Leser sind wir darauf aufmerksam gemacht worden, dass die (…) Karikatur (…) Bezug auf das Dritte Reich nimmt.“ Und – natürlich – „Wir haben deshalb entschieden, den fraglichen Beitrag zu löschen.“ Selbstverständlich stimmen auch die Gutmenschenraucher darin überein. Jemand, der sich Realist nennt, sieht eine „Gleichstellung von Raucherschicksal und Judenvernichtung“ – daß Satire überspitzt und sie gerade dadurch witzig wird ist unwichtig. Witze müssen 1:1 ins echte Leben übertragbar sein!

Satire, so heißt es im Englischen, „has to push the envelope“ – muß an die Grenzen gehen, überzeichnen. Macht Sinn, denn ansonsten würde man einfach nur einen Sachverhalt darstellen und daß das nur begrenzt witzig ist, sieht man an unseren Politikern. Sicher, auch völlig reale Begebenheiten können witzig sein; das beste Beispiel hierfür liefert die Sitcom „Seinfeld“. Aber Humor kommt in vielen Varianten daher: Albern, spitz, trocken, satirisch und so wenig ich ihn teile, so sehr hat auch der Fasnachtshumor seine Daseinsberechtigung. Humor macht Menschen glücklich, lachen befreit – es würde mir im Traum nicht einfallen, das jemandem nehmen zu wollen. Mit welcher Begründung denn? „Ich teile diese Art Humor nicht, also schafft sie ab“? Lieber Herr Finckh, lieber Herr Rasch…für wen haltet haltet ihr euch eigentlich, bestimmen zu dürfen, über was man lacht?

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Eine Antwort zu “Mein Humor komme, dein Humor gehe – wie im Himmel so auf Erden

  1. Schöne Adresse in diesem Zusammenhang, nicht wahr?
    Sie irren gewaltig, wenn Sie mir unterstellen, Denkverboten nachzuhängen. „Die Gedanken sind frei“ – das ist mir hohes Gut. Aber der Sensation halber mit dem Schicksal einer ganzer Menschengruppe zu spielen, halte ich für komplett geschmacklos. Haben Sie schon einmal versucht, sich ansatzweise in das Schicksal eines Juden im 3. Reich hineinzufühlen, der dieses Schild zu tragen hatte im Spießrutenlauf einer brutalisierten Nachbarschaft? Nein: ich bleibe dabei, dass es hier Grenzen gibt, die nicht „überzeichnet“ werden dürfen. Reicht doch aus, diese Allegorie in Gedanken zu entwickeln und: für sich zu behalten!

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