Archiv der Kategorie: Gesellschaftskritik

@bka: Ich laufe Amok!

Wäre ich nicht so ein friedfertiger Mensch würde ich mir jetzt ernsthaft überlegen, Amok zu laufen. Nicht weil ich dann auch ein schönes Spiegel-Titelbild bekommen würde, alle Nachrichten mich als armes Opfer darstellen und für ein paar angenehme Tage in den Medien kein Platz mehr für Kader Loth wäre. Nein, einfach nur weil die Regierung dann in Erklärungsnot geraten würde, wenn sie anschließend meinen PC untersuchen und feststellen, daß kein einziger Ego-Shooter drauf war. Aber vermutlich wäre die Lösung schnell gefunden wenn bekannt wird, daß ich einen Rapidshare-Account besaß und auf meinem PC Open Office (!!!) installiert ist.
Mittlerweile glaube ich auch, daß es den Serienmördern weniger darum ging möglichst viele Menschen umzubringen. Viel wahrscheinlicher ist, daß sie bei den Ego-Shootern völlig versagt haben und nun auf diesem Wege versuchen, die Spiele abzuschaffen. Warum sich über 15 Tote freuen, wenn man so Millionen Spielern den Tag versauen kann?

Immerhin zeigt uns das, worauf es hinausläuft: Die wahren Täter, das wahre menschliche Versagen findet man nicht in Winnenden, Emstetten oder Erfurt – sondern in Berlin. Es ist vergleichbar mit der Mafia: Die Amokläufer sind die Laufburschen. Selten dämliche Kreaturen deren Talent so begrenzt ist, daß es nur reicht, um die Drecksarbeit zu erledigen. Den eigentlichen Nutzen aus der Sache aber ziehen die Politiker – wie die Baufirmen aus den Waldbränden. Es wird jede Möglichkeit genutzt, sich auf Kosten anderer zu profilieren und effektheischende Dünnpfiffparolen abzusondern in der Hoffnung, daß der Wähler so dumm bleibt wie er ist und entweder zustimmt oder schnell genug vergisst. Dann nämlich ist das Ziel erreicht: Man hat den Leuten seinen Namen in’s Gedächtnis gerufen und in ein paar Wochen wird es nicht mehr heißen: „Das war doch die mit den halbgaren Ideen, die überhaupt nichts leistet“, sondern einfach nur: „Ach, die Frau von der Leyen!“

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Sex ist böse!

Endlich! Arcor, Vorreiter des Jugendschutzes, hat Initiative ergriffen: Die Seiten sex.com, youporn.com & privatamateure.com können über Arcor nicht mehr erreicht werden! Ein großer Schritt ist damit getan: Man muß den Jugendlichen von vorneherein klar machen, daß es nichts Schlimmeres gibt als im stillen Kämmerlein zu onanieren. Wenn, dann doch bitte direkt im Rotlichtviertel nach einer Partnerin suchen und wer die Kohle dafür nicht aufbringen kann, dem bleibt immernoch die Möglichkeit der zunächst kostenfreien Vergewaltigung. Kann man ja dann immerhin später noch in Schmerzensgeldraten abbezahlen.

Jugendliche dürfen sehen, wie Leute in Filmen gekreuzigt, erschossen, gequält oder verbrannt werden. Man zeigt ihnen, wie man Ausgekotztes in der Pfanne anbraten und noch einmal essen kann oder wie es aussieht, wenn sich Leute mit 300 km/h schnellen Orangen beschießen lassen. Aber wehe, man will ihnen zeigen, daß man mit dem Körper noch anderes anstellen kann als ihn auf verschiedenste Weise zu martern – dann sind die Jugendschützer sofort zur Stelle!
Es wird dann gerne darauf verwiesen, daß auch Jugendliche noch durch nachahmen lernen und daß jeder Anstieg an Sexualdelikten durch den inflationären Gebrauch pornöser Schriften und Bilder zu erklären sei. Nun müsste nach diesem Maßstab aber auch jeder Bud-Spencer-Klopper zensiert, jeder Schwarzenegger-Film indiziert und wegen seelischer Grausamkeit jede Aufnahme von Alice Schwarzer verbrannt werden.

Werfen wir aber parallel mal einen Blick nach Spanien, so sehen wir in mindestens jedem zweiten Strandgeschäft die selbe Auswahl alter Porno-Spielkarten mit verheißungsvollen Titeln wie „With sucking cumshot“, „With lesbian girls“ oder einfach „Super XXX HOT“ – unzensiert. Ich habe mir die Karten damals mit 13 oder 14 aus Neugierde gekauft und kann zumindest feststellen, daß ich bislang niemanden vergewaltigt habe. Und nachdem die Karten reißenden Absatz zu finden scheinen (immerhin gibt sie laut Aufdruck seit 1991), sollte man laut Regierung doch zumindest davon ausgehen dürfen, daß Spanien den Vergewaltigerrekord knackt. Aber weit gefehlt: Irland, Schweden und Deutschland tummeln sich auf den Plätzen 1-3 der Länder mit den meisten Sexualdelikten; Spanien wird als vorletztes Land genannt.

Aber warum logisch denken, wenn man damit so einfach jede Schuld von sich weisen kann? Wenn sich Kinder zu Verbrechern, Mördern oder wasauchimmer entwickeln, ist es doch so schön naheliegend, die Schuld auf das Fernsehen, die Gesellschaft oder die Politik zu schieben. Schließlich müsste man ja im anderen Falle selbst was unternehmen.

Bildblog

Nicht mehr ganz aktuell, aber immer einen Hinweis wert: Der Werbespot des Bildblog.

Abgesehen davon, daß der Spot sehr gelungen ist (Christoph Maria Herbst ist spätestens seit Stromberg einer der Top-Schauspieler, wohingegen Anke Engelke seit sie Marge Simpson spricht für mich etwas abgestiegen ist, aber sei’s drum) – Alleine daß es diesen Spot geben durfte, zeigt, wie sehr sich das Bildblog mittlerweile etabliert hat. Eine nichtkommerzielle Webseite, die sich lediglich mit einer (schlechten) Tageszeitung befasst, steht in der Lesergunst soweit oben, daß sich sogar die Schauspieler bereit erklären, ohne Gage mitzuwirken.

Das Einzige, das nun noch fehlt, ist das Bildblog in gedruckter Form am Kiosk. Zum Beispiel in Form eines großen Zettels, der täglich von den Zeitschriftenhändlern einfach in die normale Bild gesteckt wird. Dann hätte man endlich eine Korrekturspalte mit echten Informationen.

Money Express

Heute mal wieder versehentlich reingeschaltet: Money Express, eine von Stephan Mayerbacher und seiner Callactive GmbH produzierte „Call-In“ TV-Show. Es kam mal wieder das „Zählen sie alle Liter“- „Gewinn“spiel. Natürlich wie immer ohne Gewinnumschlag. Das heißt, die Regie kann jede beliebige Zahl als „Lösung“ einblenden. Gesetzt den Fall, die ursprüngliche Lösung wäre vielleicht 335 und ein Zuschauer hätte per Zufall 335 gesagt, so könnte die Regie nachträglich immer noch 336 einblenden. Nachprüfen kann es keiner. So unerträglich Neun Live auch sein mag, so untransparent sind nichtmal die.

Aber das ist bei Weitem nicht die einzige Ungereimtheit, die sich bei Money-Express abspielt. Wenn man sich die Sendung regelmäßig antut, wird man feststellen, daß es zwei Spielmodi gibt:

Nummer 1 – Spiele mit eindeutiger Lösung.
Nach meiner Beobachtung beginnt in der Regel eine „Spiel“runde folgendermaßen: Zwei bis drei Anrufer werden durchgestellt, die ein einfaches Rätel lösen und dafür vergleichsweise niedrige Geldbeträge in Höhe von 30-400 Eur gewinnen. Dann wird es mysteriös: Ab sofort sind runde 50 % der „Anrufer“, die durchgestellt werden Leute, die sofort wieder auflegen. Als ob die Regie einfach nur den Telefon-Sound eingespielt hätte. Die anderen rund 50 % sind „Anrufer“, die eine komplett schwachsinnige Lösung anbieten. Wäre die richtige Lösung ‚Baum‘, so sagen diese „Zuschauer“ Sachen wie ‚Nashorn‘ oder ‚oxidative Decarboxilierung‘. Die Gewinnsumme liegt nun bei um die 4000 Euro, gerne auch mit einem Plasma-Fernseher zum anfixen. Pünktlich gegen Sendeende wird dann ein Anrufer durchgestellt, der ‚Baum‘ auflöst und gewinnt. Es ist allerdings auch schon vorgekommen, daß es innerhalb von 2 1/2 Stunden angeblich niemand geschafft hat, die richtige, SEHR einfache Lösung zu nennen. Dann behält der Sender das Geld.
Interessant auch, daß viele Leute – mich eingeschlossen – der Meinung sind, daß die „Anrufer“, die schwachsinnige Lösungen anbieten, von Sendung zu Sendung gleich klingen, sich aber immer anders nennen. Als hätte man einen festen Stab von ca. 10 Personen, der nichts anderes macht als falsche Lösungen zu sagen, damit der Zuschauer die Illusion hat, er könne tatsächlich durchkommen. Rechtlicher Disclaimer: „Als hätte…“

Nummer 2 – Spiele mit einer hohen Anzahl an Lösungsmöglichkeiten
Nach meiner Beobachtung läuft dieser „Spiel“modus folgendermaßen ab: Ein Bild wird eingeblendet, auf dem man irgendwas zählen soll. Alle Liter, alle Herz, alle Augen oder wasauchimmer. Hier werden dann in vergleichsweise hohem Tempo Anrufer durchgestellt, die alle möglichen Zahlen von 1-1000 in den Raum werfen. Daß ein derartiges Spiel korrekt gelöst wurde, habe ich nie mitbekommen. Zum Schluß wird eine beliebige Lösung eingeblendet. Da kann es denn auch mal vorkommen, daß bei zwei Spieltagen zwei Bilder, die meiner Meinung nach exakt gleich aussehen, zwei verschiedene Lösungen eingeblendet werden. Erklärungen, wie diese Lösungen dann zustandekommen, klingen im O-Ton so:
„410 wär’s gewesen. Warum? Weil, hier bei mir bei dem Faß (zeigt auf das 25-Liter-Faß) eines dahinter ist mit Stöpsel, deshalb ist der Schatten da unten. In der Mitte ist am hinteren Faß ein Stöpsel, deshalb ist der Schatten unten, im mittleren Faß, was zu sehen ist, ist aber kein Stöpsel, also der Inhalt zählt nicht. Oben, sehen sie, beim blauen, da ist kein Punkt, das zählt offiziell nicht als Abkürzung. Bei 25 Liter ist es angeschnitten, deshalb dürfen sie es da nicht zählen. Deshalb sag ich immer genau hinschauen und bei dem 10 Liter Faß da unten, da ist der Stöpsel drin und deshalb müssen sie da den Inhalt auch noch mal zählen und die Schrift zwei Mal, die oben drauf steht, ok? Das nächste Mal schaffen sie es hoffentlich.“ (Anruf-Erfleherin (manche nennen sie Animatorin) Yvonne S.)
Klar soweit?

Interessant sind aber auch noch andere Dinge:

Das Forum call-in-tv.de, das regelmäßig Call-In-Sendungen analysiert und speziell dessen Blog wird gehackt. Wer könnte wohl Interesse daran haben, ein derartiges Blog mundtot zu machen?

Im Namen von call-in-tv.de und stefan-niggemeier.de werden massenhaft Spammails mit gefälschten Spendenaufrufen verschickt, was beide Seiten in Mißkredit bringt. Stefan Niggemeier erstattet Strafanzeige. Wer könnte wohl Interesse daran haben,…

Es existieren diverse Excel-Tabellen, in denen das Neun-Live-Programm detailliert inklusive aller Verstöße aufgelistet wird. Als Autorin dieser Listen ist die Callactive-Leiterin Nadine Rumpf angegeben und auch allem sonstigen Anschein nach scheinen diese Dateien von Callactive zu kommen. Laut Callactive existieren diese Dateien aber nicht. Willkommen in der Twilight Zone.

Nachdem Stefan Niggemeier über diese Dateien berichtet hat, kommentiert ein Wesen, das sich „Journalist“ nennt, diesen Beitrag. 41 mal. Alles hat den Anschein, daß es sich bei diesem Wesen um Stephan Mayerbacher handelt. Das wird natürlich umgehend dementiert. Die IP-Adresse wird bei allen Kommentaren anonymisiert. Bis auf einmal. Diese IP-Adresse kommt von…na? Könnt ihr es euch denken? Richtig! Von einer Firma namens…Callactive.

Gegen Callactive wurde Strafantrag gestellt. Der Namen des Antragstellers wurde Callactive mitgeteilt, warum auch immer. Nun ist Stephan Meyerbachers Reaktion darauf folgende: Er veröffentlicht diverse personenbezogenen Daten im Internet. Motto: Ich weiß, wer du bist. Die Mafia gebraucht übrigens ähnliche Methoden. Aber das hat mit diesem Thema schließlich rein garnichts zu tun und ist nur ein Füllsatz.

Bei call-in-tv.de wurde aufgrund gerichtlicher Fehlentscheidungen eine Wortsperre eingerichtet, die das Wort „Fake-Anrufer“ nicht mehr zulässt. Ein User registriert sich und verfasst gleich zwei Beiträge, die diese Wortsperre umgehen. Marc Doehler sichtet die Beiträge nach wenigen Minuten und löscht sie. Dennoch bekommt er von Callactive aufgrund dieser Beiträge eine Anzeige. Die Frage: Wie wahrscheinlich ist es, daß Callactive grade zufällig zu jenem Zeitpunkt in das Forum geschaut hat? Ungefähr so wahrscheinlich, wie ein echter Mensch auf die Frage „Was ist 2+2?“ mit 113 antworten würde? Aber da derartiges Bei Callactive regelmäßig passiert, können wir nicht davon ausgehen, daß CA die Beiträge selbst verfasst hat. Schließlich ist uns das gerichtlich untersagt.

Man kommt sich ein bisschen vor wie in der DDR. Kritik muß so formuliert werden, daß sie positiv klingt, sonst landet man im Knast.
Eigentlich ist es ja egal: Wenn es tatsächlich Leute gibt, die dumm genug sind, bei Callactive anzurufen – bitte. Sie reiten sich in die Schuldenfalle und fertig. Evolutionstechnisch sinnvoll, der Stärkere (oder Klügere) überlebt. Aber dann will ich auch das Recht haben, Stephan Mayerbacher mit Bananen abzuwerfen.

Mein Humor komme, dein Humor gehe – wie im Himmel so auf Erden

Man kann sich das wohl so vorstellen: Der Deutsche, ein possierliches Arbeitstierchen, hat pünktlich zum Fasching 6 Tage im Jahr Spaß. Da setzt man sich dann lustige Papphüte auf, schunkelt breit grinsend besoffen vor sich hin und weiß genau, daß man immer dann lachen muß, wenn die Kapelle nach jedem Halbsatz ein „Det-DÄ Det-DÄ Det-DÄ“ einspielt. Nach einem derart komprimierten Lachmarathon braucht man natürlich auch wieder eine Pause und so werden die restlichen 359 Tage in stiller Ernsthaftigkeit verbracht. Lachen ja, aber bitte nur mit offizieller Genehmigung über hintergrundlosen Humor.

Nun hat es der Cartoonist Haderer aber gewagt, gleich beide dieser Regeln zu brechen. Im Stern 33/2007 veröffentlichte er unter dem Titel „Na endlich! Das Antirauchergesetz wird konsequent durchgesetzt!“ eine Karikatur, die einen von allen Seiten hämisch ausgelachten Menschen zeigt, der ein Schild mit folgender Aufschrift um den Hals trägt: „Ich bin im Ort das größte Schwein, lass mich mit einem Raucher ein.“

Das war zu viel! Wie kann man nur! Selbstverständlich sind in den Leserbriefen sofort die selbsternannten Kämpfer des guten Humors zur Stelle. So ist Martin Finckh aus Sindelfingen „entsetzt“ über diesen „despektierlichen und geschmacklosen“ Cartoon. Auch Thomas Rasch aus Velber versucht sich an einer knackigen Formulierung: „Kommen sie mir nur nicht damit, daß Satire alles darf. Darf sie nicht!“, erzürnt er sich. Recht hat er! Wo kämen wir denn hin, wenn wir keine Denkverbote hätten? Vielleicht würde es ja tatsächlich noch jemand wagen, auf Mißstände aufmerksam zu machen!

Das Cigar-Blog dagegen hat zunächst nicht ganz verstanden, daß dieser Cartoon eine versteckte Anspielung enthält: „Von einem Leser sind wir darauf aufmerksam gemacht worden, dass die (…) Karikatur (…) Bezug auf das Dritte Reich nimmt.“ Und – natürlich – „Wir haben deshalb entschieden, den fraglichen Beitrag zu löschen.“ Selbstverständlich stimmen auch die Gutmenschenraucher darin überein. Jemand, der sich Realist nennt, sieht eine „Gleichstellung von Raucherschicksal und Judenvernichtung“ – daß Satire überspitzt und sie gerade dadurch witzig wird ist unwichtig. Witze müssen 1:1 ins echte Leben übertragbar sein!

Satire, so heißt es im Englischen, „has to push the envelope“ – muß an die Grenzen gehen, überzeichnen. Macht Sinn, denn ansonsten würde man einfach nur einen Sachverhalt darstellen und daß das nur begrenzt witzig ist, sieht man an unseren Politikern. Sicher, auch völlig reale Begebenheiten können witzig sein; das beste Beispiel hierfür liefert die Sitcom „Seinfeld“. Aber Humor kommt in vielen Varianten daher: Albern, spitz, trocken, satirisch und so wenig ich ihn teile, so sehr hat auch der Fasnachtshumor seine Daseinsberechtigung. Humor macht Menschen glücklich, lachen befreit – es würde mir im Traum nicht einfallen, das jemandem nehmen zu wollen. Mit welcher Begründung denn? „Ich teile diese Art Humor nicht, also schafft sie ab“? Lieber Herr Finckh, lieber Herr Rasch…für wen haltet haltet ihr euch eigentlich, bestimmen zu dürfen, über was man lacht?